Espressoanhänger kommen in einer Mallorca Finca auf ihre Kosten
Herr Schorrmann hatte seinen Kaffe vergessen. Unfassbar! Er war sich sicher
gewesen, ihn eingepackt zu haben. Sollte er sein unersetzliches Abendritual etwa ausgerechnet im Urlaub missen
müssen? Keine Chance! Nun galt es zu handeln, solange die Läden auf Mallorca noch aufhatten.
Er wollte sich schon fast aus Gewohnheit seinen Mantel überziehen, doch wurde
ihm schnell gewahr, was für ein Unsinn das gewesen wäre. Es waren noch knapp 19 Grad draußen und das, obwohl die
Sonne schon längst untergegangen war. Er entschloss sich mit dem Drahtesel in den nahe gelegenen Urlaubsort zu
radeln. Das waren zwar gut drei Kilometer aber direkt neben der Landstraße verlief ein Radweg. Auf halber Strecke
verfluchte sich Herr Schorrmann dafür, dass er den steilen Anstieg vergessen hatte, der ihm nun in die Knochen
ging. Doch er biss die Zähne zusammen. Es war schon zu spät, um umzudrehen und überhaupt – er wollte seinen Kaffee.
Seit gut 17 Jahren trank er jeden Abend einen Kaffe oder einen Espresso (oder wenigstens einen Cappuccino). Er
wollte verdammt sein, wenn er nun im Urlaub mit diesem Brauch brechen müsste. Bereits im Flugzeug hatte er darüber
sinniert, wie es sein würde, auf dem Balkon seiner Mallorca Finca zu sitzen und frisch gemahlenen
Kaffee zu schlürfen. Er hatte extra sein ganzes Arsenal diesbezüglich mitgenommen – von der alten hölzernen
Kaffeemühle bis hin zu seinem Saeco Automaten. Und ausgerechnet den Kaffee hatte er vergessen! Sich dieses
Versagen wieder bewusst machend, gewann Herr Schorrman schließlich die Selbstverachtung, die nötig war, um sich
erstrecht den Berg hinaufzuquälen.
Im Ort angekommen dröhnten brutale Plastikbässe und sägten an den sensiblen
Gehörgängen Herrn Schorrmanns (der ein Liebhaber von Brahms war). Unglaublich! Wie konnte irgendein
vernunftbegabtes Wesen in solchem Ambiente ein Urlaubsgefühl pflegen? Doch Herr Schorrmann hielt sich nicht lange
mit dieser Frage auf. Er wollt sich seinen Kaffee holen und nichts wie raus! Am hiesigen Supermarkt angekommen,
musste Herr Schorrmann feststellen, dass niemand mehr eingelassen wurde, denn sechs Minuten vor Ladenschluss waren
vor den Kassen noch bedenklich lange Schlangen junger Leute zu sehen.
Niedergeschlagen drehte Herr Schorrmann sein Fahrrad bei. Um wenigstens einen
Teilsieg zu erringen, entschloss er sich dazu, vor Ort einen Kaffee zu genießen. Er ging in eine kleine Bar, die
eine etwas erträglichere Variante der Plastikmusik spielte und bestellte sich einen schwarzen Kaffee – und bereute
es! Nie zuvor hatte Herr Schorrmann derart miesen Kaffee getrunken! Er hinterließ ein pelziges Gefühl auf der Zunge
und war so bitter wie die Tatsache, dass Herr Schorrmann seinen eigenen und überdies vorzüglichen Kaffee vergessen
hatte. Herr Schorrmann war sich nicht sicher, ob es die alles durchdringenden Bässe waren, die seinen Kaffee
scheinbar vibrieren ließen wann immer er ihn zu den Lippen führte, oder ob diese Brühe nicht tatsächlich ein
widerliches Eigenleben führte. Unter Dreingabe von bedenklichen Mengen Zucker gelang es Herr Schorrmann die Hälfte
des Getränkes zu bewältigen. Er bezahlte, gab kein Trinkgeld und machte sich noch niedergeschlagener auf den
Rückweg.
Doch plötzlich viel ihm ein kleiner, unscheinbarer Laden auf, den er auf dem
Hinweg übersehen haben musste. Der Laden hatte noch geöffnet. Herr Schorrmann stellte sein Fahrrad ab und trat ein.
Ein Glockenspiel ging los und übertönte den touristischen Lärm und die Pseudo-Musik auf angenehme Weise, ehe die
langsam zufallende Tür beides nach außen verbannte. Ein alter Mann trat durch einen Vorhang aus hölzernen Perlen –
offensichtlich erfreut über die späte Kundschaft. Herr Schorrmann erstand eine Packung Kaffee. Der Laden führte nur
eine Marke und Herr Schorrmann (als Kenner!) hatte noch nie von ihr gehört. Er gab dem Ladenbesitzer ein
großzügiges Trinkgeld. Der urige Laden schien fast unwirklich im Umfeld dieser Tourismus-Hochburg. Herr Schorrmann
verabschiedete sich glücklich und gestenreich. Später fand sich Herr Schorrmann auf der Veranda seines
Ferienhaus Mallorca sitzend wieder. Er trank
den exzellenten Kaffee mit Genuss. Es würde ihm ein Vergnügen sein, einige weitere Packungen zu erstehen. Das
durfte er nicht vergessen!
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